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Dr. Christina Maria Huber

Über den Umgang mit Weihnachts-Freiwilligen

28.11.2018 | Die Erfahrung zeigt, dass sich Menschen an den Weihnachtsfeiertagen engagieren wollen. Die Erfahrung zeigt ebenfalls, dass dahinter immer wieder das Bedürfnis der Hilfe-Gebenden und der Hilfe-Empfangenden deckt. Wie können Einrichtungen und Gemeinden damit umgehen?

Im Januar dieses Jahres schuf die britische Premier-Ministerin ein neues Amt: ein Ministerium für Einsamkeit. Selbstverständlich bot sich diese Neuigkeit im ersten Moment für eine Reihe von Witzen an, aber gleichzeitig gab es auch hierzulande durchaus ernstgemeinte Reaktionen. „Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD findet sich ein Passus, der nahelegen könnte, nach englischem Vorbild einen Regierungsbeauftragten zu installieren, der sich um Einsamkeit und Einsamkeitsschäden in der Gesellschaft kümmern soll“, berichtete die Zeit im Februar und zeichnete ein Schreckensbild, wie eine solche Stelle in Deutschland aussehen könnte: „eine Dienststelle, die den rechten Umgang mit dem Leben lehrt und kontrolliert.“ [1] Im Deutschlandfunk Kultur warnte auch der Psychologie-Professor Borwin Bandelow: „Ich glaube nicht, dass man staatlich gelenkt die Einsamkeit abbauen kann.“[2]

Die Nachrichtenmeldungen von Anfang des Jahres sind hundertfach überholt und wohl nicht mehr diskussionsbedürftig, aber dieser Tage wird wieder viel von Einsamkeit gesprochen. Und: Es wird wieder viel negativ über Einsamkeit gesprochen – vor allem in Zusammenhang mit freiwilligem Engagement zu dieser Jahreszeit. Es ist bedrückend, wenn geradezu abfällig über Menschen geurteilt wird, die sich „nur“ im Advent oder an Weihnachten ehrenamtlich engagieren wollen. „Die sind doch bloß einsam“, heißt es dann, „und wollen nur deswegen etwas Gutes tun.“

Zu allererst: Einsamkeit ist eine absolut legitime Motivation für ein soziales Engagement. Nein, noch davor: Wer hat das Recht, zu urteilen, welche Motivationslagen legitim sind und welche nicht? – Und wenn wir uns von diesem Gedanken befreit haben, lohnt sich als nächster Schritt ein Blick in den letzten Freiwilligensurvey: „mit anderen Menschen zusammenkommen“ steht an zweiter Stelle der genannten Engagement-Motive; 82% der Befragten stimmten „voll und ganz“ oder „eher“ zu.[3] Es liegt hier lediglich an der positiveren Formulierung, dass die Nennung dieser Motivation keinerlei Naserümpfen provoziert. Auch der Kontext kann eine Rolle spielen: Nach einem Umzug in eine neue Stadt etwa ist ein freiwilliges Engagement ein hervorragender Weg, um neue Leute kennenzulernen – und in dieser Situation würde niemand das Bedürfnis, die Einsamkeit als Neubürger*in zu bekämpfen, abschätzig bewerten.

Wenn wir also anerkennen, dass wir Motivationslagen für freiwilliges Engagement grundsätzlich nicht bewerten oder gar vergleichen wollen, und dass der Kontakt zu anderen Menschen einer der wichtigsten Impulse ist, die die Leute zu Engagement bewegen, gibt es schon gar keinen Grund mehr, die Hilfsbereitschaft an Heiligabend abzutun.

Darüber hinaus scheint die Vermutung (oder Erfahrung) der Freiwilligen, Einsamkeit sei besonders an den Weihnachtsfeiertagen spürbar und schmerzlich, nicht abwegig. In dieser Hinsicht treffen sich möglicherweise das Bedürfnis der Hilfe-Gebenden und der Hilfe-Empfangenden gerade in dieser Jahreszeit nahezu perfekt. Aus Engagementförderungssicht ist das ja ein Best-Case-Szenario, wenn wirklich alle Involvierten aus dem Engagement Sinn, Freude, Erfüllung schöpfen können. Und wenn sich dabei das Geben und Nehmen so weit vermischen, dass es nicht die kleinste Anmutung eines Gefälles zwischen Freiwilligen und Klient*innen gibt – ist das nicht die Begegnung auf Augenhöhe, die wir uns wünschen?

Es soll dabei nicht bestritten werden, dass es problematisch ist, wenn die Bedürftigkeit einzelner Freiwilliger zur Belastung in der Organisation wird. Gute Strukturen, klare Tätigkeitsprofile und Zuständigkeiten können dem entgegenwirken – Werkzeuge der Freiwilligenkoordination, die das ganze Jahr über zum Einsatz kommen und an sich auch an den Weihnachtsfeiertagen keine Ausnahmesituation schaffen. Eine echte Herausforderung ist hingegen, dass über die Feiertage manche Einrichtungen (hauptamtlich) sehr dünn besetzt sind und die „Betüdelung“ von Freiwilligen – insbesondere, wenn diese das Haus und die Abläufe nicht kennen – als zusätzliche Aufgabe auf den Schultern des Pflegepersonals landen und lasten kann. Da ist eine gegebenenfalls ablehnende Haltung seitens der Hauptamtlichen durchaus nachvollziehbar.

Eine Lösung dafür ist abermals die Arbeit der Freiwilligenkoordination im Vorfeld: Mit einer kleinen Reihe vorbereitender Maßnahmen – wiederum: klare Aufgabenbeschreibungen, umfassende Einweisungen und Hinweise, etc. – kann ermöglicht werden, dass Freiwillige den Feiertags-Alltag positiv mitgestalten und nicht als „zusätzlich zu Betreuende“ auf der Liste der hauptamtlich Mitarbeitenden landen. Abgesehen davon bewirken diese Maßnahmen auch, dass der Einsatz für Freiwillige zu einem schöneren Erlebnis wird, weil sie mehr Sinn und Wirkung ihres Tuns erfahren können, als wenn sie etwa kontinuierlich auf Anweisungen des Pflegepersonals angewiesen sind.

Da, wo an den Feiertagen in Kirche und Diakonie Arbeit getan wird, fallen auch Aufgaben an, für die keine (theologischen, pflegerischen oder sonstigen) Fachkenntnisse erforderlich sind, die aber auch nicht irrelevant sind und der Erledigung bedürfen. Diese Aufgaben können von Engagierten übernommen werden, die auf diese Weise ihren Beitrag leisten können.

Freiwillige, die so eine positive Erfahrung machen – vielleicht „nur“ gegen die Einsamkeit an den Feiertagen, vielleicht „nur“ für wenige Stunden – sind, selbst wenn daraus nicht unweigerlich ein langfristiges Ehrenamt resultiert, wichtige Multiplikatoren. Engagementförderung beinhaltet auch die Präsentation der eigenen Einrichtung als ein engagementfreundlicher Ort.

Auch einmalige freiwillige Engagements an den Feiertagen können gut gelingen und ein Gewinn sein. Was es dafür braucht, ist eine Vorarbeit der Freiwilligenkoordination, etwas Abstimmung innerhalb der Organisation – und schließlich: zentrale Ansprechpersonen in den Verbänden oder anderen übergeordneten Strukturen, die von den Engagementmöglichkeiten wissen und die Informationen an Interessierte weitergeben können. In Hamburg ist eine der wichtigsten Stellen das ServiceTelefon Kirche und Diakonie, die genau wissen, an wen sie die Anfragen weiterleiten können – zum Beispiel an die Fachberatung Freiwilligenengagement des Diakonischen Werks Hamburg, die die Angebote von diakonischen und kirchlichen Einrichtungen sammelt und an Freiwillige weitergibt, oder äquivalente Angebote in den Kirchenkreisen.

Es wäre einfach zu schade, wenn es uns als Diakonie und Kirche nicht gelänge, ein Angebot für helfens-bedürftige Menschen an Heiligabend und an den Weihnachtsfeiertagen zu machen. Das entspricht nicht unserem Auftrag und sollte auch mit unserem Selbstverständnis nicht vereinbar sein. Wir sind an den Menschen Dienst-Leistende, und das muss gerade auch für „Weihnachts-Freiwillige“ gelten. Damit es für möglichst viele ein gesegnetes Fest werden kann.