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Susanne Prill: Kirche im Dorf sein - So kann es gehen

30.06.2016 | Säkularisierung, Urbanisierung und demografischer Wandel fordern die Gesellschaft im ländlichen Raum heraus. Welche Perspektiven hat unter diesen Bedingungen ehrenamtliches Engagement? Wie kann die Kirche dieses Engagement unterstützen? Über anderthalb Jahre begleitete die Ehrenamtsakademie im Kirchenkreis Mecklenburg beteiligte Gemeindegruppen in ihren Entwicklungsprozessen und ermöglichte den Austausch untereinander.

Netzwerk „Kirche im Dorf sein“ - Engagementförderung im ländlichen Raum

Säkularisierung, Urbanisierung und demografischer Wandel fordern die Gesellschaft im ländlichen Raum heraus. Welche Perspektiven hat unter diese Bedingungen ehrenamtliches Engagement? Wie kann die Kirche dieses Engagement unterstützen? Über anderthalb Jahre begleitete die Ehrenamtsakademie im Kirchenkreis Mecklenburg engagierte Gemeindegruppen in ihren Entwicklungsprozessen und ermöglichte den Austausch untereinander. Projektverlauf, Erfahrungen und Schlussfolgerungen werden im Folgenden dargestellt.

Wovon wir ausgingen

Nach aktuellen Prognosen wird Mecklenburg-Vorpommern bis 2030 noch einmal 10% seiner schon reduzierten Einwohnerschaft verlieren. Damit ist fraglich, ob die Menschen in den Dörfern zukünftig mit dem Nötigsten versorgt werden können, etwa mit Lebensmitteln, Verkehrsanbindung, ärztlicher Betreuung. Auch der Zusammenhalt leidet.

Gleichzeitig gehören immer weniger Menschen zur Kirche. Die Anzahl der Kirchenmitglieder sank in Mecklenburg innerhalb der letzten acht Jahre von ca. 205 000 (2006) auf ca. 177 000 (2014). Welche Antworten kann die Kirche auf diese Entwicklungen finden? Woran können und sollen wir unser Handeln in den kommenden Jahren vor diesem Hintergrund ausrichten?

Kirchengemeinden stellen sich diesen Herausforderungen. Oft sind es dieselben Menschen, die mit großer Treue schon seit vielen Jahren ehrenamtlich tätig sind. Die Hochengagierten kommen angesichts der Aufgabenfülle an ihre Grenzen.

Das wollten wir erreichen

Mit dem Vorhaben „Kirche im Dorf sein“ wollte die Ehrenamtsakademie Kirchengemeinden dabei unterstützen, auf nachhaltigem Wege Engagement in ihrer Gemeinde und im dörflichen Umfeld zu entwickeln und zu fördern. Damit sollte Vertrauen in das eigene Handeln, in die Gemeinschaft und Vertrauen in Gottes Wirken in der Gegenwart gestärkt werden. Dies sehen wir als eine Möglichkeit, dem ursprünglichen Auftrag der Kirche zu entsprechen.

Insbesondere wollten wir interessierte Menschen in den Gemeinden begleiten und anregen, etwas Neues zu wagen, sich dafür Verbündete zu suchen und dabei sorgsam auf die eigenen Kraftquellen und Grenzen zu achten.

Einige Überlegungen vorab

Wir lasen uns durch die verfügbaren Studien und sprachen mit mehr als 20 Expertinnen und Experten sowie mit vielen Kirchengemeinden. In der Zusammenschau fiel uns auf, dass das Thema „Perspektiven im ländlichen Raum“ sehr gut erforscht ist. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, brachte es Ulrike Brand-Seiß vom Gemeindedienst der Nordkirche auf den Punkt. Zunehmend stellte sich die Frage, wie wir ansprechend und im Austausch mit dem Gemeinwesen Anschluss an unsere geistlichen Quellen finden könnten.

In den Gesprächen mit den Kirchengemeinden erlebten wir neben Ratlosigkeit und Frustration  Bewegung und Wünsche nach Veränderung. Die Aktiven verfügten über vielfältige Erfahrungen bei der Lösung der Probleme vor Ort. Sie wünschten sich Unterstützung bei der Erreichung ihrer Ziele und waren eher nicht bereit für zusätzliche Projekte und Anstrengungen. Diese Herausforderungen wollten wir mit dem Projekt im Blick behalten.

Meilensteine im Projektverlauf

Das Projekt steuerte ich gemeinsam mit meiner Kollegin Maria Pulkenat, Referentin für Erwachsenenbildung im Kirchenkreis. Ab Sommer 2013 fanden Gespräche mit interessierten Gemeinden statt. Die vier Gemeinden, die schließlich teilnehmen wollten, bildeten je eine Projektgruppe von fünf Personen, die nicht zur Gemeinde gehören mussten, und erwirkten einen Beschluss des Kirchengemeinderates.

Parallel dazu erklärten sich acht Menschen bereit, in einem Initiativkreis die Arbeit zu begleiten. Sie sind mit dem Kirchenkreis verbunden und konnten eine Unmenge an eigenen Erfahrungen beisteuern. Mit ihrem Interesse, ihrem Einfühlungsvermögen und ihren Reflexionen unterstützten sie das Projekt sehr.

Die Zusammenarbeit begann mit einem gemeinsamen Wochenende im Frühjahr 2014. Hier klärten die Gruppen viele Fragen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit vor Ort und berieten sich dazu auch gegenseitig. Einen starken geistlichen Impuls brachte die Geschichte der Begegnung des Zöllners Markus mit Jesus: Markus folgte Jesus aus freiem Willen, weil er sich gesehen und innerlich berührt fühlte. Daraus ergab sich die Frage: Wodurch fühlen wir uns so berührt, dass wir uns engagieren wollen?

Diese vier Gemeinden bzw. Initiativen waren angetreten, in ihrem Bereich das Engagement zu fördern und den Zusammenhalt und die Vitalität im dörflichen Umfeld zu stärken: Kirchenbauförderverein Breesen und Pinnow, Kirchengemeinde Lohmen, Kirchengemeinde Alt Bukow und die Kirchengemeinde Schwarz.

Um sich gegenseitig über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, waren die Gruppen zweimal beieinander zu Gast: Im Herbst 2014 lud der Verein in Breesen die Partner in das sanierte Pfarrhaus ein, im März 2015 war die Kirchengemeinde Lohmen Gastgeberin. Beide stellten ihre Arbeit vor, die Teilnehmenden berieten sich zu aktuellen Fragen und feierten Andacht. Fachliche Einheiten von externen Referent*innen zu den Themen Gemeinwesenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit gaben Impulse für die Weiterarbeit.

Regelmäßig waren wir als Projektteam bei den Gemeinden, ließen uns berichten, spiegelten zurück, was wir wahrnahmen und vermittelten bei Bedarf Unterstützung. Die Besuche gaben auch Gelegenheit für ein Innehalten im herausfordernden Alltag der Projektteilnehmenden.

Am Wochenende vom 6. bis 8. November 2015 fand das Projekt mit einer Engagementwerkstatt seinen feierlichen Abschluss.

Abschlusstreffen macht Lust auf die weitere Arbeit

Ein Schwerpunkt der Werkstatt war die Zusammenarbeit vor Ort: das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen, Bewahrenden und Erneuernden, zwischen Kirchengemeinde und Kommune. Dieses Thema wurde aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dazu gab es thematische Impulse, gute Gespräche, Zeit für Beratung und Andacht.  

Die Partner berichteten anschaulich von ihrem Weg im Projekt und konnten sich zu vielen Erfolgen beglückwünschen.

Die Gruppen konnten ihre Zusammenarbeit festigen, in den Kirchengemeinden öffneten sich Türen für neue Menschen und Möglichkeiten. Auch im Umfeld wurde Interesse, Hoffnung und Freude geweckt.

Das alles machte Spaß und kostete die Engagierten viel Kraft. Bei diesen Bemühungen haben sich die Gruppen in den anderthalb Jahren gegenseitig gestärkt, indem sie einander zugehört und sich gegenseitig beraten haben. Eine Spende aus dem Kirchenkreis unterstützte sie in ihren Bemühungen.

Durch das Wochenende begleitete die Gruppe die Emmausgeschichte. In dieser Geschichte treffen zwei niedergeschlagene Jünger den auferstandenen Christus, ohne ihn zu erkennen. Er legt ihnen altbekannte biblische Geschichten auf neue Art aus. Jedoch erst, als sie ihn zum Essen einladen und er auf die vertraute Art das Brot teilt, erkennen sie ihn. Die Teilnehmenden fanden viele Parallelen zur eigenen Arbeit: das gemeinsame Unterwegssein, das vertrauensvolle Gespräch, die Tischgemeinschaft und die brennenden Herzen. 

Willkommen geheißen wurden auch Menschen, die bisher nichts mit dem Projekt zu tun hatten. Sie nahmen nach dem Wochenende gute Ideen für die weitere Arbeit mit nach Hause.  Prinzipien für die Zusammenarbeit

Als Projektleitung stellte sich uns von Beginn an die Frage, welchen Einfluss unser Handeln auf das Engagement vor Ort hat. Wir haben einige Prinzipien entwickelt, die für uns handlungsleitend wurden:

Zentral wurde für uns der Begriff der Weggemeinschaft. Wir sahen uns als Projektleitung ebenso als Lernende und Forschende wie die Projektpartner vor Ort. Unsere spezifische Aufgabe bestand darin, einen sicheren Rahmen für den Prozess zu geben, den die Partner mit ihren Themen füllten. Besonders beeindruckte die gegenseitige Offenheit und Wertschätzung der Teilnehmenden.

Die lebendigsten Impulse resultierten aus der Situation vor Ort. Die Projektgespräche gingen daher immer wieder von den Themen, Bedürfnissen oder Problemen aus, die die Aktiven bewegten. Wenn diese in den Blick genommen wurden, entfaltete sich regelmäßig eine starke Motivation bei den Beteiligten.

Im Innehalten bekamen diese Impulse Raum und Zeit. In der Stille stiegen Bilder und Ideen auf. Im gemeinsamen Gebet wurden die Themen vor Gott gebracht, biblische Geschichten lieferten vertiefende Anregungen. Wenn sich so die Schnellen und die Bedächtigen aufeinander einschwangen, konnte die Stärke der Gruppe zum Tragen kommen. Es fanden sich Lösungsmöglichkeiten, auf die eine oder einer allein nie gekommen wäre.

Gemeinsam wurden kleine, attraktive Ideen entwickelt, die schnell umzusetzen sind und die Engagement im Dorf fördern. Welches ist der nächste Schritt? Wie geht es am leichtesten und elegantesten? Welche Unterstützung wird gebraucht? Durch diese Fragestellungen wurde der Weg zum jeweiligen Ziel immer wieder in übersichtliche Abschnitte zerlegt. Bei Bedarf wurde fachlicher Beistand einbezogen (z. B. Fundraising, Ehrenamtskoordinierung, Konfliktbegleitung, Gemeinwesenarbeit);

Zentrales Anliegen der Projekttreffen war es, die Arbeit zu würdigen, zu danken und zu feiern. Deshalb nahmen wir uns Zeit für gutes Essen, für Andacht und Gottesdienst. Es gibt aus unserer Sicht wenig geeignetere Formen, gute Ergebnisse zu sichern und sich für weitere Anstrengungen vorzubereiten.

Erfahrungen

Vertreter*innen aus den Projektgruppen und vom Initiativkreis trugen beim Abschluss des Projektes ihre Erfahrungen zusammen, um Empfehlungen für die weitere Arbeit geben zu können.

·         Zusammenarbeit im Team
Zu Beginn des Projektes bildeten sich Gruppen, die die Arbeit vor Ort verantworteten. So konnten komplexe Aufgaben erfüllt und Verantwortliche benannt werden. Arbeitsstrukturen entwickelten sich, wie regelmäßige Planungstreffen und Erfahrungsaustausch. Gerungen wurde immer wieder um die Verbindlichkeit der Absprachen. Die große Verschiedenheit in den Gruppen wurde als Gewinn erlebt. Unterschiedliche Interessen (z. B. unterschiedliche Kirchennähe oder Kirchenferne) verursachten mitunter schmerzhafte, oft aber produktive Auseinandersetzungen. Generell achteten die Mitglieder aufeinander und das Zusammengehörigkeitsgefühl wuchs.

·         Rolle eines Koordinators
Das Gelingen der Zusammenarbeit hing davon ab, ob jemand diese Rolle übernahm und auf die Einhaltung der Absprachen achtete, an Termine erinnerte usw. In zwei von drei Gruppen wurde diese Rolle von Ehrenamtlichen ausgefüllt. Erfolgte die Koordination der Arbeit durch Hauptamtliche, entlastete das die Ehrenamtlichen. Hauptamtlich Mitarbeitende (neben Pastor*innen ausdrücklich Gemeindepädagog*innen, Gemeindesekretär*innen u. a.) sind zum Erhalt und zur Förderung des Engagements in den Gemeinden unverzichtbar. Für eine gute Zusammenarbeit ist gegenseitiger Respekt und Offenheit nötig sowie die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen einzubringen und die Rollen auszuhandeln.

·         Motivation zum Engagement
Viele Teilnehmende fühlten sich durch ihren christliche Glauben motiviert. Weiterhin ermutigte die Resonanz aus dem Umfeld sehr. Andererseits war es beschwerlich, mit Desinteresse und einer gewissen Konsummentalität klarzukommen. Belastend wirkte Zynismus und Verbitterung von Kolleg*innen im kirchlichen Umfeld.

·         Kirche mit anderen
Dieses Thema war jeder Gruppe ein Herzensanliegen, dem sie viel Aufmerksamkeit und Offenheit widmete. Sie verfolgten Themen, die auch andere im Dorf berühren und bei denen viele sich engagieren können. Unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit wurde in den Projekten Gemeinschaft gelebt.

Es blieben Fragen offen.

Bei allem Engagement hat das Verdienen des Lebensunterhaltes und das Familienleben für die Ehrenamtlichen Priorität. Die Kräfte, die darüber hinaus zur Verfügung stehen, sind sehr begrenzt. Es bedarf großer Anstrengungen, immer wieder eine gute Zusammenarbeit zu koordinieren. Es erscheint sinnvoll, diese koordinierenden Aufgaben hauptamtlich Mitarbeitenden zu übertragen. Was bedeutet das künftig für das Arbeitsspektrum der Hauptamtlichen?

Menschen aus dem Umfeld lassen sich nur sporadisch zur Mitarbeit einladen. Wie gewinnen die Gruppen neue Mitarbeitende, ohne dabei zu beliebig zu werden und ihr christliches Profil einzubüßen? Hier finden z. Zt. fruchtbare Auseinandersetzungen statt.

Empfehlungen für den Kirchenkreis

Die beteiligten Gruppen hielten im Rückblick folgende Unterstützung vom Kirchenkreis für sinnvoll:

Wenn Kirchengemeinden sich gemeinsam auf den Weg machen, kann der Kirchenkreis den Austausch und die Vernetzung organisieren und moderieren. Der Blick über den Tellerrand stärkt und motiviert. Eine verlässliche Begleitung bei der Reflexion, die sich als Hilfe zur Selbsthilfe versteht, ist wichtig.

Ein Dreiklang aus Prozessbegleitung, geistlichen und fachlichen Impulsen, der auf die Bedürfnisse der beteiligten Gruppen reagiert, wird als anregend und stärkend empfunden. Kleine Anschubfinanzierungen helfen, Ideen in die Tat umzusetzen.

Dank an Wegbegleiter

Von vielen Seiten wurde uns Unterstützung zuteil. Ohne diese Menschen wäre das Projekt so nicht denkbar gewesen: Isabel Hartmann vom Gemeindekolleg der VELKD gab geistliche Impulse und regte zur Auseinandersetzung mit der U-Theorie an, die dem Projekt zugrunde liegt. Die U-Theorie (auch: Presencing) liefert wertvolles Handwerkszeug und Hintergrundwissen, um gemeinschaftlich auf komplexe Herausforderungen reagieren zu können. Jörg Stoffregen, Arbeitsstelle Inklusion in der Nordkirche, eröffnete den Teilnehmenden die Perspektive der Gemeinwesenorientierung.

Der Kirchenkreis Mecklenburg gab uns für das Projekt freie Hand und finanzielle Möglichkeiten.

Ansprechparterin:
Susanne Prill,  Ehrenamtsreferentin im Kirchenkreis Mecklenburg
Diplomagraringenieurin, Erwachsenenbildnerin und Supervisorin, langjährig tätig als Quartiermanagerin im Projekt „Die Soziale Stadt“.