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Erfahrungsschatz Nordkirche

Interview mit Andrea Weber: Willkommenskultur für alle

06.09.2018 | Ein Haus für WillkommensKultur ist ein Ort für alle! Jedenfalls in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Hamburg Ottensen. Andrea Weber ist seit April 2017 Projektkoordinatorin im WillkommensKulturHaus und erzählt davon, wie Veränderungen gestaltet werden können, wo sie den Unterschied von Haupt- und Ehrenamt sieht und wie die Zusammenarbeit gelingt.

Frau Weber, WillkommensKulturHaus – warum nicht einfach Willkommenshaus?

Der Begriff WillkommensKultur hat sich in den letzten Jahren ausgeprägt und wurde fast zum Modewort. In unserem Fall steht er für ein faires Miteinander zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen. 

Es geht darum, in der Begegnung Dinge miteinander zu teilen und Gemeinsamkeiten zu entwickeln, Prozesse anzustoßen, Raum zu geben für Kreativität und gemeinsames Erleben. Es geht um Dinge, die auch ohne die gesprochene Sprache möglich sind. Theater spielen oder singen, tanzen oder feiern, gemeinsam die Umgebung kennenlernen, oder die Gestaltung und Pflege eines Gartens, eine gemeinsame Nähwerkstatt, in der sich jede*r auf seine Art kreativ verwirklichen kann. Wo Herkunft, Sprache oder Kenntnisse keine Rolle spielen. Es geht um das Miteinander und um die Dinge, die über die tägliche Versorgung hinausgehen. 

Und es geht um Sprache. In unserer "Schule ohne Grenzen" können Geflüchtete, die keinen Zugang zu staatlich organisierten Sprachkursen haben, deutsch lernen. Sie erobern sich damit Möglichkeiten, sich in einer fremden und komplizierten Welt besser zurechtzufinden. Sie finden Wertschätzung und einen sicheren Ort, an dem sie sich einbringen können. Und auch Nachbar*innen finden einen Ort, an dem sie sich engagieren können. 

Dieses Konzept hat mich interessiert und begeistert. Und so kam ich selbst dazu. 

Das Haus hat sich seit der Gründung weiterentwickelt – wer oder was gibt den Anstoß für Veränderungen?

Wir arbeiten fast ausschließlich mit Ehrenamtlichen. Die Schule ohne Grenzen feiert im Dezember ihr 5-jähriges Bestehen. Sie ist viel älter als das WillkommensKulturHaus und eine ganz wichtige Säule in dieser Konstruktion. Sie hat sich aus Visionen und Engagement von Ehrenamtlichen heraus entwickelt. Davor habe ich einen unglaublichen Respekt. 

Viele Ehrenamtliche kamen und kommen zu uns und haben direkt ein Projekt im Kopf, das sie bei uns umsetzten wollten. Mir gefällt der Ansatz, Menschen, die sich engagieren möchten, einen Zugang zum Tun zu ermöglichen. Wir sind auch eine Art "Labor", ein Versuchsort, an dem wir experimentieren und schauen, was geht, was wir uns zumuten können und wo unsere Grenzen liegen.

Wo liegen ihre Grenzen?

Wenn Ehrenamtliche sich übernehmen, weil die Visionen größer sind als die Kräfte, dann ist der Moment gekommen, wo wir Stopp sagen, denn dann stimmt etwas nicht mehr und wir sollten korrigieren. Deshalb müssen wir jetzt nach den Sommerferien zum Beispiel ohne unser Mittagessen auskommen, das Ehrenamtliche für bis zu 60 Leute jeden Freitag zubereitet haben. Einfach fabelhaft. Aber es geht auf die Dauer an die Substanz. Das müssen wir sehen, wahrnehmen und dann gegebenenfalls umsteuern.

Sie arbeiten als Hauptamtliche und Ehrenamtliche gemeinsam. Wie verteilen Sie ihre Aufgaben?

Wir sind zwei Hauptamtliche mit jeweils einer halben Stelle. Ich selbst sehe meine Aufgabe darin, mich zum einen mit meinen Ideen und Visionen selbst einzubringen, Dinge anzuschieben, und zum anderen unser Konzept und unsere Arbeit in die Welt zu bringen. Das heißt, ich kümmere mich auch um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, um Fördergelder, aber auch darum, dass wir uns von den übrigen Veranstaltungszentren im Stadtteil inhaltlich abheben und ein eigenes Profil entwickeln. Und weil ich den Stadtteil kenne und weiß, dass hier eine Menge geht, möchte ich auch eine Menge auf den Weg bringen. Unsere Ehrenamtlichen sind fabelhaft. Die Schule ohne Grenzen organisiert sich komplett autonom, wir Hauptamtlichen unterstützen manchmal, aber mein Respekt vor der Arbeit der Lehrer*innen ist groß.

Die, die nicht in der Schule aktiv sind, bringen zum Teil eigene Wünsche und Ideen ein, die wir dann mit- und weiterbewegen. Manche Ehrenamtliche möchten aber auch einfach nur irgendwo mitmachen und das moderieren wir ebenfalls, verbinden Interessen und Bedarfe. Es ist so schön dabei zu sein, wenn Dinge wachsen und sich mit der Zeit entwickeln. Das macht Mut und gibt Hoffnung. Die Arbeit mit Geflüchteten ist ein wichtiger Teil unseres Projektes, aber wir müssen uns alle daran gewöhnen, dass wir eine andere Welt brauchen, an deren Ausgestaltung wir aktiv teilnehmen können. Wir sind ein Teil davon. 

Wo liegen die Herausforderungen in der Zusammenarbeit von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen?

Nun ja, wir werden für unsere Arbeit (zum Teil) bezahlt. Das verändert die Voraussetzungen für das Engagement. Aber wir Hauptamtlichen haben auch eine andere Rolle. Mir geht es so, dass ich eben auch "liefern" will, ich habe eine Vision, ein Idee von diesem Projekt. Und ich möchte die Ehrenamtlichen dafür begeistern, mit uns gemeinsam an einem Strick zu ziehen. Ich finde, das gelingt ziemlich gut, denn es entstehen natürlich in solch einem Projekt auch persönliche Beziehungen, eine Dynamik, die mir gefällt. Und auch unsere Hauptamtlichenarbeit bewegt sich zwischen Job und Ehrenamt, denn das Projekt ist ja mehr, vielleicht der Anfang von etwas. Das gefällt mir und die Zusammenarbeit und diese vielen schönen Begegnungen geben uns so viel zurück. 

Welche Unterstützung haben Sie?

Die Kirche Ottensen, die Pastor*innen, der Kirchengemeinderat, sie alle machen dieses Projekt möglich. Sie stellen Räume und Mittel zur Verfügung, damit hier etwas Neues entsteht. Das ist ein Aufschlag! Und mehr als die Unterstützung, die das Projekt auf allen Ebenen erfährt, kann oder darf man sich, glaube ich, gar nicht wünschen. Für mich ist das WillkommensKulturHaus wie ein Bindeglied zwischen denen, die in die Kirche gehen und denen, die vielleicht noch nicht hingehen und trotzdem für die christlichen Werte einstehen. Denn letztlich geht es um eines: Um eine Welt, die sich verändert und in der wir alle gemeinsam in der Zukunft leben wollen. Um Werte, für die wir alle zusammen  kämpfen sollten, mit oder ohne Kirche. 

Hier in Ottensen ist die Kirche nichts, was irgendjemanden abschrecken sollte. Im Gegenteil: Für mich selbst ist sie der Ort, an dem sich Menschen versammeln, die eine Idee haben von einem Leben in Frieden und Freiheit! Das passt.

Vielen Dank für das Gespräch!