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Erfahrungsschatz Nordkirche

Im Gespräch mit Pastorin Angelika Schmidt

28.01.2016 | Pastorin Angelika Schmidt leitete für vier Jahre eine Projektstelle zur Engagementförderung im Kirchspiel Bergedorf im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Dr. Kristin Junga, Leiterin der Arbeitsstelle Ehrenamt der Nordkirche, traf sich zum Gespräch und Erfahrungsaustausch mit Pastorin Angelika Schmidt.

Pastorin Angelika Schmidt

Pastorin Angelika Schmidt leitete für vier Jahre eine Projektstelle zur Engagementförderung im Kirchspiel Bergedorf im Kirchenkreis Hamburg-Ost. Zu der Region zählen sieben Kirchengemeinden, neun Kirchen, ca. 30 000 Gemeindegliedern und 12 Kolleg_innen. Es gehört zu dem Bezirk Bergedorf, der eine Wohnbevölkerung von über 120 000 Menschen und den Charakter einer Kleinstadt hat. In ihrem Zentrum steht die St. Petri und Paulikirche. Neu-Allermöhe Ost und West sind erst in den letzten dreißig Jahren entstanden und gehören zu den jüngsten Stadtteilen Hamburgs Dr. Kristin Junga, Leiterin der Arbeitsstelle Ehrenamt der Nordkirche, traf sich zum Gespräch mit Pastorin Angelika Schmidt.

KJ: Frau Schmidt, Sie waren vier Jahre auf einer Projektpfarrstelle im Kirchspiel Bergedorf mit dem Thema Engagementförderung betraut. Was waren genau Ihre Aufgaben?

AS: Es gab zwei Schwerpunkte. Zum einen war es meine Aufgabe, neue Ehrenamtliche zu werben für neu zu entwickelnde Projekte aus der Zielgruppe der Kirchendistanzierten im Bereich des Kirchspiels Bergedorf. Dabei sollten die in der Freiwilligenkoordination gängigen Standards umgesetzt werden. Das Kirchspiel besteht aus sieben Kirchengemeinden. Wir wollten ausprobieren, ob und wie diese Aufgabe umgesetzt werden kann, aber auch sehen, wie gewünschte Projekte im Kirchspiel zu realisieren sind.

Zum anderen ging es darum, die vorhandenen Standards der Freiwilligenkoordination in den Gemeinden ins Gespräch zu bringen und gemeinsam wünschenswerte Veränderungen zu benennen und realisieren. Ziel war es, die Engagementkultur zu verbessern und gute Andockmöglichkeiten für neu zu werbende Ehrenamtliche zu schaffen und kirchspielweit eine engere Zusammenarbeit durch dieses Thema zu ermöglichen.

KJ: Wenn Sie auf die Zeit zurückschauen – was ist gut gelungen?

AS: In der Projektarbeit hat sich gezeigt, dass viele Menschen in Bergedorf bereit sind, sich im Kirchspiel für ein neues Projekt zu engagieren. 200 neue Engagierte in kurz- oder langfristigen Projekten wurden durch einen Zeitungsartikel im Billewochenblatt, einer lokalen Anzeigenzeitung, aufmerksam. Alle geplanten Projekte sind umgesetzt worden. Über das Arbeiten sind wir auch auf religiöse Themen gestoßen, zum Beispiel beim Erkunden der Kirche für die Kirchenführer_innen.

Im Bereich der Standards für die Ehrenamtlichenarbeit für bereits Engagierte hat es einen gemeinsamen Ansatz durch die Kirchengemeinderäte auf Kirchspielebene gegeben. Es sind die vorhandene Engagementkultur und Veränderungswünsche benannt worden und durch einen Ausschuss formuliert worden. Es wurde auch formuliert, wie die Arbeit in Zukunft aufgestellt sein soll. Das Teilziel 'Benennen einer Ansprechperson für jeden Ehrenamtlichen, Klärung der Rolle und Aufgaben und Koordination der Ansprechpersonen in einer Gemeinde' ist erfolgreich umgesetzt worden.

KJ: Welche Bedingungen haben das Gelingen befördert?

AS: Auf der Projektebene war es hilfreich, dass ich genügend Zeit hatte, die Projekte voranzubringen. So konnten wir im Zusammenspiel von Ehrenamtlichen und mir, der Hauptamtlichen, klare Absprachen treffen, und das Delegieren von Verantwortung fördern und vereinbaren. Die Arbeit hat uns einfach Spaß gemacht. Es waren attraktive Themen, mit denen wir an die Öffentlichkeit gehen konnten, wie zum Beispiel mit einem Biographieprojekt und der Frage: 'Was ist für mich Heimat' oder einem Aufruf für die Aufgabe, sich für Kinder als Lesepatin in der Grundschule zu engagieren.

In Bezug auf die Aufgabe der Weiterentwicklung unserer Engagementkultur waren wir in der ersten Phase des Prozesses erfolgreich, weil es ein gutes Zusammenspiel gab zwischen der Vorsitzenden der Kirchspielkonferenz, die zugleich Vorsitzende meiner Steuerungsgruppe war, der Fachfrau des Kirchenkreises für Engagmentförderung und mir als derjenigen, die für die Organisation des Prozesses verantwortlich war und die nötigen Ressourcen hatte. Zeit, Fachwissen, Einfluss und das Zusammenspiel von uns als 'Verbündeten' für ein Thema, haben das Gelingen befördert.

KJ: Das Thema Ehrenamt ist in der Kirche selbstverständlich. Gerade dadurch birgt es in der Umsetzung auch einige Herausforderungen – welche sind das Ihrer Ansicht nach?

AS: Es gibt verschiedene Motivationen, um ein Ehrenamt zu übernehmen. Wenn wir heute neue Ehrenamtliche gewinnen, müssen wir uns darauf einstellen. Da stoßen teilweise sehr unterschiedliche Vorstellungen von bereits engagierten und neu gewonnenen Ehrenamtlichen aufeinander. Es ist die Frage, wie sie zusammenarbeiten können und vielleicht noch, als ein Schritt davor, ob diese neuen Freiwilligen überhaupt gewollt sind.

'Wie kirchenidentifiziert müssen die Neuen sein und wie viel Gemeindeanbindung erwarten wir über das konkrete Engagement hinaus?', ist eine wichtige Frage, die eine Gemeindeleitung für sich klären muss, bevor sie um neue Freiwillige wirbt und ein Erstgespräch mit ihnen führt.

Heute bedingen die Standards der Freiwilligenkoordination, dass es mindestens eine Person in der Kirchengemeinde gibt, die Zeit für diese Aufgabe hat und als Ansprechpartner_in erkennbar ist. Auch das kommt als eine zusätzliche Aufgabe daher und ist im Gemeindealltag für die Personalverantwortlichen nicht so leicht unterzubringen. Wenn das traditionelle System noch funktioniert, ist es für die Gemeindeleitung die Frage, wozu sollen wir uns für Veränderungen öffnen?

Das sind so einige Überlegungen, auf die ich in der Praxis ganz konkret gestoßen bin. Denen nachzugehen braucht es Zeit, Geduld und Mut, denn es bedeutet Selbstverständliches zu hinterfragen.

KJ: In vier Jahren kann nicht alles erreicht werden – was ist offen geblieben?

AS: In der Weiterentwicklung der Engagementkultur sind wir erste Schritte gegangen. Wir hatten an einem Kirchengemeinderats-Tag fünf Themen ausgewählt, auf die wir unserer Engagementkultur hin überprüfen und gegebenenfalls neu ausrichten wollten: 1. Jeder Ehrenamtliche hat eine Ansprechperson. 2. Neue Ehrenamtliche werden gewonnen. 3. Es ist geklärt, wie Ehrenamtliche in ihre Aufgabe eingeführt, in der Gemeinde vorgestellt und begrüßt und am Ende verabschiedet werden. 4. Es gibt eine individuelle und angemessene Anerkennung in jeder Gemeinde für die ehrenamtliche Arbeit. 5. Es gibt eine kirchspielweite Vernetzung der Ehrenamtlichen und ihrer Arbeit in den Gemeinden. Das erste Thema haben wir in allen Gemeinden bearbeitet, die übrigen nur teilweise, das fünfte in Bezug auf das Thema Besuchsdienst. Es ist ein Netzwerk 'Besuchsdienst' entstanden, das über das Kirchspiel hinausgeht, dem fast alle Besuchsdienste im Bezirk Bergedorf beigetreten sind.

Es gibt weitere Ziele, die die Steuerungsgruppe sich am Anfang gesetzt hat, wie zum Beispiel, dass es eine gemeinsame Andockstelle für Menschen gibt, die sich neu im Kirchspiel engagieren möchten. Das ist offen geblieben und einige andere Ziele auch.

KJ: Warum sollten Kirchengemeinden sich systematisch mit der Förderung der Ehrenamtsarbeit beschäftigen?

AS: Wir haben eine lange Tradition in der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. Das ist ein großer Schatz und gehört zu uns als Kirche konstitutiv dazu. Damit das so bleibt, sollten wir den Schatz hüten und nicht mit unserer Energie sparen. Dazu ist es erforderlich, sich mit dem zu beschäftigen, was Menschen heute motiviert, ehrenamtlich mitzuarbeiten und welche Rahmenbedingungen erforderlich sind, damit die Zusammenarbeit allen Freude macht, die daran beteiligt sind.

KJ: Unterwegs mit Engagementförderung in Kirchengemeinden – welche Tipps geben Sie aus Ihrer Erfahrung für den Einstieg?

AS: Vor allem : Nehmen Sie sich zu Beginn Zeit, um einige Fragen zu beantworten:

  • Wer hat Interesse an dem Thema und ist bereit, Zeit und Energie dafür einzusetzen? Was motiviert ihn oder sie oder das Team?

  • Wo bekomme ich oder bekommen wir Informationen, Unterstützung, Fortbildung her?

  • Welches Wissen und welche Zustimmung im Kirchengemeinderat und bei den Hauptamtlichen gibt es, um das Thema voranzubringen? Wer sind unsere Verbündeten, die Einfluss haben, etwas durchzusetzen?

  • Und als erste AufgabeL Entwickeln Sie ein kleines neues Projekt, in dem Sie etwas von dem, was Ihnen in der Engagementkultur wichtig ist, umgesetzen.

KJ: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schmidt.