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Erfahrungsschatz Nordkirche

Im Gespräch mit Ehrenamtspastorin Luise Müller-Busse

31.05.2016 | Pastorin Luise Müller-Busse ist seit dem 1. Mai 2015 Beauftragte für Ehrenamtsbegleitung und -qualifizierung im Pommerschen Kirchenkreis. Sie hat eine halbe Stelle, die im Regionalzentrum in Greifswald angesiedelt ist. In ihrem Kirchenkreis, der 190 Kirchengemeinden umfasst, engagieren sich über 5.500 Menschen ehrenamtlich. Dr. Kristin Junga sprach mit ihr über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen.

KJ: Fast ein Jahr für und mit dem Thema Ehrenamt in Pommern unterwegs – das Jahr in drei Stichpunkten:
LM-B: Kennenlernen – Verbindungen knüpfen – Impulse und Erfahrungen weitergeben

KJ: Ein erstes Jahr birgt viel zu tun: Was ist gut gelungen?
LM-B: Da sind zum Beispiel die Impulstage für Ehrenamtliche im Besuchsdienst und im Küsterdienst. Das sind Sonntage. Sie beginnen mit einem Gottesdienst. Sie werden regional vorbereitet und setzen auch darin einen Fokus. Die Region ist dafür gut, weil sie weder zu groß noch zu klein ist. Nach dem Erleben der Gemeinschaft im Gottesdienst und beim gemeinsamen Essen gibt es Input und Austausch. 40 bis 50 Ehrenamtliche kommen so in Kontakt miteinander und erleben „wir sind Teil eines Größeren“. Die Lust auf und die Freude an Gemeinschaft und der Austausch in Gruppen sind die Stärken dieser Tage.
Beim Impulstag für Ehrenamtliche im Besuchsdienst, ging es darum, wie Besuche gestaltet werden können, wie sie erlebt werden. Wichtiges Thema der Besuche ist die Einsamkeit, weil Gesprächsräume, soziale Orte fehlen. Besuche von Ehrenamtlichen und Pastor*innen haben einen unterschiedlichen Charakter, sind verschieden und doch haben beide Arten von Besuchen einen hohen Stellenwert. Beim Miteinander von Pastor*innen und Ehrenamtlichen ist die Frage, wie können beide einander ergänzen und sich gegenseitig stärken. Ein Impulstag zum Familienleben in der Gemeinde ist geplant. Darauf freue ich mich.
Gut gelungen ist auch der Start der Lektor*innenausbildung in der Propstei Pasewalk zum Thema Gottesdienst. Sie ist in drei Teile geteilt und bietet sowohl eine Auffrischung als auch Anreiz zum Mitmachen, so dass Lektor*innen eigenständig Lesegottesdienste halten lernen können. Eine solche Ausbildung ist in dieser Form auch in den anderen Propsteien geplant. Es macht Freude, mit der Gruppe gemeinsam auf dem Weg zu sein. Da kommt viel Energie aus den Menschen.

KJ: Was oder vielleicht auch wer hat das gefördert?
LM-B: Diese Impulstage sind im Team mit den Pastor*innen der Region entstanden, also in der Zusammenarbeit im Regionalkonvent. Die gute Gruppe der Lektorinnen und Lektoren stärkt den Erfolg der Ausbildung. Für meine Arbeit erlebe ich vieles Weitere als sehr hilfreich: Die Anbindung an das Regionalzentrum, den Kirchenkreisrat, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Mecklenburgischen Kirchenkreis und der Nordkirche – lauter wichtige Weggefährt*innen, mit denen die Arbeit Freude macht. Fürs Fußfassen und gut Ankommen war auch die Bischöfliche Besuchswoche unterstützend. Im Anschluss daran ist in der Region viel entstanden. 

KJ: Das Thema Ehrenamt ist vielfältig. Was wird Ihrer Ansicht nach in Zukunft wichtig sein?
LM-B: Es wird wichtig sein, was auch jetzt schon wichtig ist: die Wertschätzung. Dass Ehrenamtliche die Aufgaben in Kirche so wahrnehmen, dass sie zu ihnen passen. Dass Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam gut hingucken, damit Ehrenamtliche in Strukturen tätig sind, die fordern, aber nicht überfordern. Oft ist uns die Lust des Ehrenamtes nicht deutlich genug vor Augen. Um es mal so zu sagen: Am Bewusstwerden der LUST des Ehrenamtes können wir noch gut etwas tun!
Der Mensch möchte ja etwas schaffen, was Erfüllung bringt. Ehrenamtliche Arbeit kann das wie Erwerbsarbeit leisten. Menschen können durch beide gestützt werden und darin eine Rolle wahrnehmen. Damit sie gestützt werden, muss die Rolle klar sein. Ebenso wichtig ist es, dass Menschen, die sich engagieren, sich zugehörig fühlen, sei es zur Gottesdienstgruppe oder auch zum Kirchenkreis. Es geht ums gleichzeitige Erleben von Last und Lust, vom Tragen und Getragen-Werden. Meiner Ansicht nach hilft Ehrenamt dem Leben, weil es ermöglicht, im Ehrenamt eine Rolle zu spielen und das trägt Menschen, wie Christus uns trägt – und das ist eine gute Form des Lebens.

KJ: Ein sichtbarer Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist es, Ehrenamtlichen immer wieder Gelegenheiten zu bieten, sich der geistlichen Dimension Ihrer Arbeit bewusst zu werden. Was bedeutet Ihnen das und wie trägt es Sie?
LM-B: Die geistliche Dimension ist unsere Basis – die Basis. Sie trägt uns, wenn es schwierig wird. Ich bin bei der Kirche, weil ich mich von ihm berufen fühle, von ihm weiterzusagen, von ihm, der uns das Leben geschenkt hat und uns immer wieder zum Leben hilft. Und deswegen lasse ich mich täglich von Gott im Gebet und im Lesen seines Wortes stärken und verstehe meinen Dienst so, dass ich das gemeinsam mit Ehrenamtlichen tue. Ohne diese geistliche Verankerung kann ich mir z. B. keinen Ehrenamtlichentag vorstellen. Gerade im Gespräch mit Prädikantinnen und Prädikanten fällt mir immer wieder auf, wie weit einen das tragen kann, denn auch sie werden stark davon getragen.

KJ: Der Ehrenamtstag in Pommern ist ein gutes Beispiel dafür – erzählen Sie uns, wie es war!
LM-B: Der Tag war ganz schön, mit sehr viel Raum für Gespräche. Das Wetter hat mitgespielt, und so konnten wir in Teilen auch draußen sein, die Ehrenamtlichen konnten die Gemeinschaft, die Natur und auch das Programm genießen und sich dabei auch einfach mal fallenlassen; so hatte es eine Ehrenamtliche sich morgens auf dem Weg vom Parkplatz ins Bio-Hotel in Züssow gewünscht: einfach mal ausruhen können.
Begeisternd waren Jugendliche unter der Leitung von Pastorin Tabea Bartels, die sechs Anspiele mit ganz verschiedenen Aspekten zum Thema Ehrenamt sehr humorvoll vorgeführt haben, unter anderem das gabenorientierte Gucken nach den passenden Aufgaben für die Ehrenamtlichen, aber auch die Frage: Was ist das eigentlich ein Ehrenamt und das Thema Überlastung wurde zur Sprache gebracht.
Verbindlichkeit verbindet – war das Thema des Tages, und dieses wurde aufgegriffen in sehr unterschiedlichen und sehr guten ehrlichen Voten von zwei Ehrenamtlichen und auch in einem sehr klaren Vortrag von Susanne Prill, der Referentin für Ehrenamtsarbeit im Mecklenburgischen Kirchenkreis, der immer wieder mal unterbrochen wurde von Murmelgruppen, so dass wir eine gute Mischung erlebt haben aus zuhören und mitreden können. Das war ein sehr reicher Tag!

KJ: Sie haben vorher in der Krankenhausseelsorge mit Ehrenamtlichen zusammengearbeitet. Welche Aspekte Ihrer Erfahrungen können Sie übertragen?
LM-B: Zum Beispiel, dass es gut ist, eine Runde zu haben, in der man die Tätigkeiten reflektiert, die man tut und zu der man auch einfach so gehört. Diese Runden waren in der Krankenhausseelsorge geübt, aber sie sind auch in anderen Feldern möglich und hilfreich. Ebenso ist übertragbar, wie gut es ist, wenn Ehrenamtliche die Chance haben, sich qualifizieren zu lassen. Es gibt eine Reihe von Tätigkeiten, die ohne Qualifizierung möglich sind, aber für bestimmte Tätigkeiten sind Einbindung und auch Reflexion und Supervision – ebenso wie für Hauptamtliche – nötig. Auch ein seelsorgelicher Blick und eine wertschätzend-begleitende Haltung Ehrenamtlichen gegenüber helfen mir hier, gut dran zu sein, an dem, was die Engagierten bewegt.

KJ: Was sind aus Ihrer Sicht wichtige nächste Schritte für die Begleitung und Qualifizierung ehrenamtlich Engagierter im Kirchenkreis Pommern?
LM-B: Drei nächste Schritte kann ich schon nennen: die weitere Qualifizierung ehrenamtlicher Küster*innen, die Gewinnung von Prädikant*innen unter anderem durch die Lektor*innenkurse und eine gute Ausrüstung der neuen Kirchengemeinderäte, für die ich mich mitverantwortlich fühle. Eine weitere Idee ist, dass wir hier, in unserer Urlauberregion in Vorpommern, ehrenamtliche Kirchenführer*innen ausbilden. So können Menschen den Reichtum, der in unseren Kirche liegt, bestaunen und etwas wahrnehmen von der Größe und Gegenwart Gottes. Dabei bin ich gern Wegbegleiterin.

KJ: EKD-weit wird in einem Online-Portal unter Leitenden darüber diskutiert und beraten, was Ehrenamt fördern und in die kirchliche Zukunft tragen wird. Es werden Strategien entwickelt. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Strategie für den Pommerschen Kirchenkreis?
LM-B: Das Portal Ehrenamt der EKD bietet eine gute Übersicht von Themen, die – wollen wir mit Kirche in die Zukunft gehen – sorgfältig bedacht und überlegt sein wollen. In unseren Veranstaltungen ist zum Beispiel die Rollenklärung von Haupt- und Ehrenamtlichen schon Thema gewesen. Natürlich verstehen wir uns eingebettet in die Zusammenhänge. Im Moment sind wir mit strategischen Überlegungen noch am Anfang.

KJ: Und zum Schluss noch ein Bild für die Zukunft. Sie haben drei Wünsche für die Zukunft und Ihre Aufgaben in der Ehrenamtsförderung frei: Im Vertrauen darauf, dass alles möglich ist, dem der glaubt! Verraten Sie uns einen Wunsch!
LM-B: Ich wünsche mir viele, viele Ehrenamtliche, die mit ganz viel Elan und Freude sich einbringen in unserem Kirchenkreis. Dass sie dabei getragen werden von Gott und uns Menschen, dass sie in Freiheit ihre Grenzen und Hoffnungen benennen können und gehört werden. Darf ich noch was wünschen? Ich wünsche mir noch mehr gute Zusammenarbeit in den Regionen. Dass wir im fließenden Miteinander weiter Gutes und Lebendiges entwickeln können.

Arbeitsstelle Ehrenamt der Nordkirche, 10.5.2016