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Engagement und Flucht

Dietlind Jochims über aktuelle Fragen und Herausforderungen

29.05.2017 | Beispielhaft und beispiellos zugleich ist die Bewegung der Begleitung von Geflüchteten seit 2015. Etwa jede vierte Kirchengemeinde engagiert sich, für viele neu-engagierte Ehrenamtliche ist auch „Kirche“ neu und erstmals wichtig geworden. Was lernen Engagierte dabei? Was Geflüchtete, Gemeinden und Kirche? Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche, gibt Tipps zum Blättern, Schauen, Lernen, Mitmachen und Bescheid wissen.

Pastorin Dietlind Jochims aus Billstedt.

Engagement und Flucht – Aktuelle Fragen und Herausforderungen

Beispielhaft und beispiellos zugleich ist die Bewegung der Begleitung von Geflüchteten seit 2015. Zu jenen Ehrenamtlichen, die zum Teil seit Jahrzehnten ohne große mediale Aufmerksamkeit sich stark machen für einzelne Familien und politische Anliegen, die Integration leben und Solidarität, sind viele gekommen, die unmittelbar reagiert haben auf die stark gestiegene Zahl von Geflüchteten der letzten beiden Jahre. Ohne diesen Einsatz wäre das erste Ankommen der Geflüchteten nicht zu bewältigen gewesen.

Etwa jede vierte Kirchengemeinde engagiert sich, für viele neu-engagierte Ehrenamtliche ist auch „Kirche“ neu und erstmals wichtig geworden. In einer Schätzung Ende 2015 sprach Landesbischof Ulrich von etwa 12.000 freiwillig in der Flüchtlingsarbeit Engagierten in der Nordkirche. Heute, fast zwei Jahre später, sind immer noch zahlreiche Menschen dabei. Die Bedingungen, unter denen sie sich einbringen, haben sich aber stark verändert. Die Stimmung ist nüchterner, die öffentliche Wahrnehmung oft kritischer oder zumindest sparsamer. Arbeitsbereiche sind professionalisiert worden. Vieles ist gelungen, etliches stößt an Hindernisse, manches haben wir uns anders vorgestellt.

Wir lernen. Dass es die Geflüchteten, die Engagierten, die Kirche nicht gibt, dass Differenzieren wichtig, aber mühsam ist, dass wir nicht alles können und doch etwas erreichen.

Engagierte lernen.

Der Übergang von frischer Motivation zu Nachhaltigkeit ist nicht immer einfach. Wo sind meine Grenzen? Wo erfahre ich Unterstützung und Stärkung? Was lerne ich in meinem Tun über mich selbst? Neben dem Austausch in Initiativen gibt es zunehmend Angebote von Supervision oder Beratungen/Veranstaltungen zu Themen wie „Selbstfürsorge“. Viele rechtliche Rahmenbedingungen von Ankommen und Integration sind schwer verständlich selbst für Menschen, die lange oder schon immer hier leben.

Geflüchtete lernen.

Die großen Hoffnungen, mit denen viele angekommen sind, sind nur zum Teil erfüllt. Es gibt neue Nachbar*innen und Freund*innen, aber auch Ablehnung und Konflikte.Für die Hilfe sind viele dankbar, wollen aber nicht mehr nur als Hilfeempfangende gesehen werden. Verfahren ziehen sich hin. Zu Unsicherheit kommen auch Frustration und Wut. Familien bleiben viel zu lange voneinander getrennt. Deutschland ist kein Paradies. Der gesellschaftliche und kulturelle Kodex ist nicht leicht zu entziffern.

Gemeinden lernen.

Wie offen sind wir wirklich? Wie nehmen wir uns gegenseitig wahr als Christ*innen, Kirchenferne, Muslime …? Wie kommen „Alteingesessene“ und „Neue“ gleichermaßen zu ihrem Recht? Wie gehen wir um mit Neid, mit unterschiedlichen Auffassungen, mit Ansprüchen, die wir nicht erfüllen? Wo findet bei uns echte Begegnung statt? Wo hat das Engagement mit Geflüchteten uns verändert? Die Diskussion um die sogenannte interkulturelle Öffnung der Gemeinden hat neuen Schwung erfahren an ganz konkreten Fragen.

Kirche lernt.

Grundsätzlich und immer wieder: An konkreten Herausforderungen erweist sich, wie ernst es uns ist mit Nächstenliebe, dem Wert von Familie, dem Schutz von Menschenrechten, der Gleichwertigkeit aller Menschen. Wie positioniert sich Kirche in der Gesellschaft, wie im Verhältnis zum Staat, wie in der politischen Diskussion? Unsere Geschichten, unsere Räume, unsere Rituale sind hilfreiche und stärkende Ressourcen.

Wir alle lernen miteinander, wie Zusammenleben gelingen kann und was es schwierig macht. Als neugierige Lernende, motivierte Lehrende, Zuhörende, Erzählende, Unterstützende, Angewiesene. Niemand sagt, dass das einfach ist. Aber es lohnt sich ungemein.

Ein paar Tipps zum Blättern, Schauen, Lernen, Mitmachen, Bescheid wissen:

Die EKD hat im Mai 2017 ein kleines Heft veröffentlicht, das unter dem Titel „… und ihr habt mich aufgenommen. – Zehn Überzeugungen zu Flucht und Integration aus evangelischer Sicht“ grundsätzlich argumentiert. Es kann kostenfrei bestellt werden und eignet sich gut als erste Information oder zum Auslegen.

Verschiedene Newsletter informieren über kirchliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit. Schauen Sie zum Beispiel einmal unter www.hamburgasyl.de. Dort finden Sie Informationen über Veranstaltungen, aktuelle Themen, eine Landkarte des Engagements in Hamburg und können sich auch für den Bezug des Newsletters anmelden.

Beispielhaft für neu entstandene Projekte ist eine Initiative zur Unterstützung von Familienzusammenführungen: www.herberge-fuer-menschen.de.Ideengeber war das Berliner Projekt Flüchtlingspaten Syrien www.fluechtlingspaten-syrien.de

Kirchliche Fortbildungen und Informationsveranstaltungen für Freiwillige gibt es inzwischen sehr zahlreich. Aus der Themenvielfalt: „Interkulturelle Grundqualifizierung“ oder „Weltreisen in Hamburg“ oder „Vom Umgang mit Traumatisierten“ oder „Was tun, wenn Abschiebung droht“ oder„Rassismus-Awareness-Training“ oder…..

Jeder Kirchenkreis in der Nordkirche hat seit 2015/16 eine*n kirchliche*n Flüchtlingsbeauftragte*n. Sprechen Sie Yvonne Berner (Nordfriesland), Mareike Brombacher (Schleswig-Flensburg), Walter Wiegand (Rendsburg-Eckernförde), Susanne Danhier (Altholstein), Volker Holtermann (Ostholstein), Astrid Schukat (Plön-Segeberg) Sandra Ruge-Tolksdorf (Dithmarschen), Sybille Gundert-Hock und Walter Bartels (Mecklenburg), Birgit Duskova (Rantzau-Münsterdorf), Elisabeth Hartmann-Runge (Lübeck-Lauenburg), Hanna Hanke (Hamburg West-Südholstein), Mischa Helfmann (Hamburg-Ost) und Christine Deutscher (Pommern) gern an, wenn es um Anregungen, Unterstützung, Beratungsmöglichkeiten geht.

Dietlind Jochims (Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche)