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"...dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt..."

Bischof Dr. Andreas von Maltzahn

18.05.2017 | Meine Zugänge zum Thema „Flucht“ sind vielfältig. Ich bin ein Mecklenburger – und genauso ein Flüchtlingskind. Durch die Geschichte meiner aus Ostpreußen stammenden Mutter und ihrer Familie weiß ich: Man verlässt seine Heimat nur aus Not. Und wie schwer fällt letztlich doch der Schritt in die Fremde, so notwendig oder gar verheißungsvoll er im ersten Moment auch erscheinen mag. So vieles lässt man hinter sich. Wie sehr ist man dann darauf angewiesen, dass Menschen sich als gastfreundlich erweisen und ihr Herz nicht verschließen!


In biblischer Perspektive gilt: Es gibt nicht nur das Gebot der Nächstenliebe, sondern auch das, Flüchtlinge und Schutzsuchende aufzunehmen: „Denn der Herr, euer Gott … liebt die Fremden und gibt ihnen Brot und Kleidung. Darum sollt ihr die Fremden lieben.“ (5.Mose 10,17-19). Jesus von Nazareth, selber Asylantenkind in Ägypten, setzte hinzu: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,35.40)

Sich auf Fremde einzulassen, sich zu bewegen, sich bewegen zu lassen – das öffnet Herzen und Sinne und fordert uns heraus. Zugleich schafft es Beziehungen – manchmal mühevoll, oft bereichernd. Wenn ich dem nachspüre, erschließen sich nicht nur die biblischen Worte. Mir wird deutlich, wie existentiell uns das Thema betrifft – von Mensch zu Mensch. Konkrete Menschen und Begegnungen vor Augen zu haben, lässt uns kreativ werden. Es ist die impulsreiche Kraft des schöpferischen Geistes, die uns berührt – und uns gleichzeitig ermutigt, tätig zu bleiben für die, die Hilfe und Heimat suchen.

Ich bin dankbar, dass unser Land weithin ein anderes Gesicht zeigt als früher, wenn Fremde bei uns Schutz und Begegnung suchen. Was wäre das Engagement für Geflüchtete ohne den überwältigenden Beitrag Ehrenamtlicher? Beispielsweise 2015, als angesichts der Überlastung staatlicher Strukturen beherztes Handeln und kreative Lösungen gefragt waren! Und was wäre es heute, da sich neben Nothilfe und Begleitung ganz neue Herausforderungen stellen und es das Zusammenleben elementar nachbarschaftlich zu gestalten gilt!

Ich habe viele Ehrenamtliche kennengelernt, deren Einsatz für Geflüchtete mich tief bewegt hat. Trotz aller Mühen, auch mancher Erschöpfung – in ihrem Engagement leuchtet etwas auf von der schöpferischen Geistkraft Gottes.  Das macht Mut und wirkt in die Zivilgesellschaft hinein. Wie viele – in unserer Kirche und darüber hinaus – sind so zu Boten der Hoffnung geworden!

Manche der Geflüchteten finden Heimat in unseren Kirchengemeinden. Mit leuchtenden Augen erzählen sie, was ihnen die neue Freiheit bedeutet. Zugleich ist zu spüren, was viele von ihnen hinter sich haben.

Die große gesamtgesellschaftliche Aufgabe im biblischen Horizont gilt weiterhin: Lassen wir uns nicht von falschen Ängsten gefangen nehmen und öffnen unser Herz – fassen wir Mut und widerstehen wir denen, die politischen Nutzen aus der Angst ziehen wollen! Zeigen wir uns gastfrei, wo immer Menschen in Not Schutz bei uns suchen, „denn“ – auch das verheißt die Bibel – „dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebräer 13,2).

Ich danke allen, die sich tatkräftig eingesetzt haben und einsetzen. Möge Gottes Segen Ihnen auch in Zukunft nahe sein!